„Meine politische Einstellung und künstlerische Arbeit laufen zusammen.“ Interview mit Karina Villavicencio

Karina Villavicencio. Foto: Carolina Böttner

Karina Villavicencio ist Performance-Künstlerin und politisch aktiv bei MaMis en Movimiento e.V. in Berlin, einer der führenden Anlaufstellen für Migration, interkulturelle Bildung und Empowerment für Frauen.

Was trieb dich an Performance-Künstlerin zu werden?

Angefangen hat alles mit meinem Studium in Malerei in meinem Heimatland Argentinien. Durch den Mangel an Platz für meine Werke, fing ich an mich immer mehr für Perfomance-Kunst zu interessieren, da diese Kunst auch mit minimalen Requisiten entstehen kann. Mir gefällt die Kommunikation mit dem Publikum, welche ich jederzeit miteinbeziehen kann. Die gegenseitige Einflussnahme, etwas Neues als Kollektiv zu erschaffen, macht Performance-Kunst unvorhersehbar und birgt immer neue Erfahrungen.

Wie kann man sich den künstlerischen Weg zu einer deiner Performances vorstellen? Gibt es eine bestimmte Herangehensweise?

Ich beziehe hierbei meine unmittelbare Umgebung mit ein und versuche mit Hilfe der Gegenstände eine Szene herzustellen. Es können zum Beispiel auch nur Kleidungsstücke und Haare verwendet werden. Ich habe keine bestimmte Herangehensweise, es entsteht von ganz alleine.

Ich arbeite viel auf der Straße, ich spreche Leute oft an, die oft keinen direkten Zugang zur zeitgenössischen Kunst haben und erschaffe Erlebnisse, die trotzdem tief und bedeutungsvoll sein können. Daher ist es am wichtigsten für mich, während einer Performance einfach da zu sein und sich mit anderen zu verbinden.

Neben deiner Kunst bist du auch sozial engagiert.

Ich bin Künstlerin und so lebe ich mein Leben. Ich nehme mich wahr, als kreativer Mensch, der verschiedene Räumlichkeiten besitzt. Meine politische Einstellung und künstlerische Arbeit laufen zusammen. Alles, was ich entwickle, hat zum Ziel, dass jede Personen ein Teil der Gesellschaft, eines Projekts oder einer Gruppe sein kann. 

Was ist dein Schwerpunkt bei MaMis en Movimiento?

Mein Schwerpunkt ist die Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit von MaMis. Dabei versuche ich zum Beispiel das Interesse des Lesers zu erwecken, indem ich mit Fotografie, die nicht ganz eindeutig zuzuordnen ist, einlade, tiefer zu gehen und sich weiter zu informieren.

Wie bist du zu deinem Beruf bei MaMis en Movimiento gekommen?

Ich bin vor 10 Jahren nach Berlin gekommen und habe anfangs auch die Angebote von MaMis zu Empowerment und Integration als Migrantin angenommen. Mittlerweile bin ich ein Teil von MaMis geworden und kann meine Kenntnisse und Erfahrungen mit neuen Hilfesuchenden teilen.

Wir haben bei MaMis keine Hierarchie, was dazu führt, dass die Zusammenarbeit, das Wirken und das Engagement weniger linear sind. Vielmehr kann man MaMis als eine Art Organismus verstehen, der stets im Wandel ist und sich immer wieder neu erfinden kann.  

Kannst du dir gemeinsamen Content mit deiner Kunst als Schnittstelle vorstellen?

Ich habe bereits Karten für Gruppenseminare und die verbundenen Spiele entworfen, die regelmäßig genutzt werden. Künstlerisch habe ich ein Glück viel Spielraum bei der Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit.

Wie könnte sich das Netzwerk von MaMis in Zukunft entwickeln?

Wir sind stets auf der Suche nach geeigneten Trägern und bemüht, unsere Einrichtungen weiterzuentwickeln. Bei MaMis hat jeder die Chance seine Visionen zu verwirklichen, daher ist es schwer genaues vorherzusagen.

Was sind typische Kriterien für eine Kooperation?

Bis jetzt organisieren wir es so, dass wir die Bedürfnisse einer Gruppe mit Migrationsgeschichte identifizieren. In Absprache überlegen wir dann mit möglichen Teilnehmer*innen Aktionen, die umgesetzt werden können und mit wem wir zusammenarbeiten können, um die Realisierung des Projektes zu verstärken.

Am wichtigsten und entscheidend ist ein guter Austausch.

Was kannst du über aktuelle und kommende Projekte verraten?

Im Moment plane ich in einem Workshop, um geflüchteten Frauen Raum für ihre Geschichten zu geben, dabei darf sich jede von ihnen kreativ ausleben. Es geht um poetische autobiographische Arbeit.

Das können geschriebene, gezeichnete, erzählte oder fotografierte Anekdoten sein. Ich habe da eine aus meinem Archiv rausgesucht:

„Mein Vater war in der Küche, hat gekocht. Ich war dabei, noch ein Kind, ich weiß nicht mehr, warum ich da stand, aber wahrscheinlich habe ich ihn lange befragt oder beobachtet. Er meinte dann zu mir, dass wenn man ein Ei tausende von Jahren sehr, sehr warm kocht, dann wird es zu einem Diamanten.

Ich frage mich oft, was hätte passieren können, wenn wir das Experiment in diesem Moment angefangen hätten. Mit dem Ei, das damals am Kochen war und wie das Ei heute aussehen würde. Ich stelle es mir, als einen schönen wunderbaren, bunten, noch nicht komplett fertigen Diamanten vor.

( A_Frankreich_1990_ 2018)“

Wie geht man dabei mit traumatischen Erlebnissen um?

Im Fokus steht das Empowerment der geflüchteten Frauen. Natürlich darf sie ihre Erlebnisse kreativ zum Ausdruck bringen. Professionelle psychologische Hilfe können wir im Rahmen dieses Projekt leider nicht anbieten. Aber bei Bedarf können wir den Frauen Information über aller Art von Beratungsstellen zur Verfügung stellen.

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